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Nur schnell nach Hause…

mehr wollte ich nicht, als ich mich letzte Woche auf den Weg zur Autobahn machte. Möglichst früh ankommen lautete das Ziel, denn am nächsten Morgen sollte es 8:00Uhr in den Urlaub gehen. Eigentlich sollte man in diesem Fall eine sichere und verlässliche Reisevariante wählen, aber es sind ja nur noch ein paar Wochen bis zum Tramprennen, also musste ich trainieren!

Also ab an die Autobahn und Daumen raus, doch schon der Start lief nicht so, wie gewünscht.  17:00Uhr  wollte ich am Rasthof Grunewald bei Berlin stehen, daraus wurde erst 18:00Uhr, dann 19:00Uhr und zehn vor Acht hatte ich es endlich geschafft. Ich stand am Rasthof und machte mir zum ersten mal Gedanken, dass ich, selbst wenn alles optimal laufen würde, ich also direkt in einen Direktlift nach Hause steigen würde, frühestens halb Zwölf zu Hause wäre. Klingt eher suboptimal, weswegen ich ab diesem Moment einfach aufhörte, mir Gedanken zu machen. Lieber loslegen und Leute anquatschen!

Und siehe da, gleich der Erste, ein netter junger Kerl,  war auf dem Weg nach Österreich, also die richtige Richtung. Platz hatte er dummerweise keinen, also Gute Fahrt, und man sieht sich ja bekanntlich immer zweimal im Leben. Dass sollte schneller passieren als er es für möglich hielt, denn als er 80 Minuten später am Rasthof Köckern einfuhr, stand ich längst da. Hingedüst mit Manuela, die gerade aus Tunesien zurückgekehrt war, wo sie ihren Gigolo, äh Freund, besucht hatte. Mitnehmen konnte mich der Österreichfahrer dann aber immer noch nicht, weswegen meine Fahrt hier erstmals ins Stocken geriet. Aus einem Burger zur Langeweilebekämpfung wurden drei und es kam auch noch ein Eis dazu, ehe ich nach mehr als einer Stunde endlich angesprochen wurde, wo ich denn hin möchte.

„Richtung A4 kann ich dich mitnehmen, aber ich muss vorher noch einen kleinen Abstecher machen.“ Hieß für mich: Das Einsteigen würde mir maximal 60km Weg bringen und mich dazu noch viel zu viel von der eh nicht vorhandenen Zeit kosten. Aber der Typ war cool, richtig cool sogar, und ich wollte einfach nur noch weg, also stieg ich ein. Einige alte Tramp- und Fusiongeschichten später standen wir plötzlich in Leipzig. Lag überhaupt nicht auf dem Weg, war aber witzig, denn mein Lift hatte sich in Berlin  spärlich bekleidet in einen Fotoautomaten gesetzt und stieg jetzt aus, um die entstandenen Meisterwerke seiner Freundin in den Briefkasten zu werfen. „Schau mal in deinem Briefkasten nach“ tippte er danach ins Handy, als wir längst wieder auf dem Weg zur A9 waren.

Inzwischen war es kurz vor Zwölf und ich stand immer noch an der A9,  zwar am Rasthof Osterfeld, aber die A4 und Eisenach waren das eigentliche Ziel. Herzlich begrüßt vom Tankwart musste ich hier einsehen, dass mir eine lange Nacht bevor stand. „Rischtung Ährfurt fahrense erst ab zwee wieder“, versuchte er mich aufzubauen. Egal, was solls, wenigstens hatte die Tanke 24 Stunden geöffnet. Ich mich also in den Tankstellenshop gesetzt, die beiden Kassiererinnen kennengelernt, und auf nette Menschen gewartet. Doch statt Autofahrern, die ihre Tankrechnung bezahlen mussten, betraten ausschließlich polnische und litauische Brummifahrer den Laden, die ein paar Euros für die neuen Sankt Pauli-Nachrichten oder den Spielautomaten zusammenkratzten.

Bis, ja bis plötzlich eine junge Frau den Laden betrat und nach einem Aufputschgetränk suchte. „Hey. Fährst du zufällig auf die A4 Richtung Erfurt?“  fragte ich verhalten, „Ja klar, ich fahr nach Frankfurt. Hab ich mir doch gedacht, dass ich heute noch jemanden mitnehme…“ kam die alles überragende Antwort. Einen kleinen Moment brauchte sie noch, bevor es losging und man glaubt gar nicht, wie gut ich mich in dem Moment fühlte. Es hatte geklappt, wie immer, sogar jetzt noch um die Zeit! Yes! Und zu allem Überfluss war nicht nur die Fahrt wahnsinnig entspannt, meine Fahrerin war sich auch nicht zu schade, einen zehn Km Umweg zu machen, um mich direkt vor der Haustür abzusetzen. 2:00Uhr war es dann, als ich endlich die Haustür öffnete, ab jetzt kamen  in Osterfeld wieder Autos nach Ährfurt…

 

Neulich auf der Straße [1]

„Jetzt mal im Ernst: Trampen ist doch voll fürn Arsch! Ich steh hier jetzt seit gefühlt zwei Stunden, langsam wird es kalt und zu essen hab ich auch nichts dabei. Und wofür mache ich das? Weil ich lächerliche 300km vorwärts kommen möchte. Das wären doch höchstens 15 Euro mit der Mitfahrgelegenheit und 30 bis 50 € im Zug. Da säße ich jetzt im Warmen und wüsste genau, dass ich bald ankomme.

Aber ich? Ich steh mit einem alten Karton an der Straße und habe langsam Schmerzen, weil ich seit einer Ewigkeit den Daumen rausstrecke. Dazu habe kommt das immer beklemmender werdende Gefühl, dass heute kein Mensch für mich anhält. Es reagiert nicht mal einer auf mein freundliches Lächeln. Das einzige was ich ernte, sind mitleidige oder verachtungsvolle Blicke. Oh mein Gott, ein Tramper!

An einer Tankstelle mag das Ganze ja in Ordnung sein, aber an der Straße ist Trampen echt das allerletzte. Du kannst nichts machen, stehst nur blöd rum und alle zehn Minuten erinnerst du dich, dass du eigentlich nach zehn Minuten dein Schild ändern oder deinen Platz wechseln wolltest. Egal, zehn Minuten versuche ich es noch! Dann ein Blick auf die Uhr: Ich stehe ja doch erst 40 Minuten, vielleicht komme ich ja heute tatsächlich noch an. Die Ernüchterung folgt beim Blick nach oben: Auto 478 und LKW 45 rasen genauso regungslos vorbei, wie ihre Vorgänger. Langsam sollte ich mir echt Gedanken machen, wo ich heute Nacht pennen kann, wenn ich hier nicht mehr wegkomme.“

Knappe drei Stunden später steige ich direkt vor meiner Haustür aus einem kleinen Wagen, habe eine wahnsinnig entspannte Fahrt hinter mir und einen richtig coolen Typen kennengelernt. Trampen, dass ist doch mit Abstand die schönste Art zu reisen!