Zur Stasi-Akte getrampt

Marco vom Team Piggeldy&Frederick ließ uns diese Stasi-Akte zukommen, in der seine Mutter Mitte der 80er-Jahre beim Trampen in der DDR observiert wurde. Ein großartiges historisches Dokument!

Vielen Dank für die Zusendung!Über ähnliches Material freuen wir uns natürlich sehr!

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Auch in der DDR war Trampen weit verbreitet

Zehn Jahre mussten die Menschen in der DDR stellenweise auf ihren Trabant oder ihren Wartburg warten, für Studenten war das eigene Auto folglich ein Ding der Unmöglichkeit. Zug fahren war zwar bei weitem nicht so teuer wie heute (Studenten erhielten 75 % Rabatt), allerdings gab es oft nur sehr ungünstige Verbindungen mit langen Wartezeiten. Die beste und oft einzige Möglichkeit zu reisen hieß also trampen. Es war zwar viel weniger los auf den Straßen als heute, aber die Bereitschaft zum Mitnehmen dafür umso größer. Und der geringe Verkehr hatte auch einen Vorteil: Das Anhalten an einer Autobahnauffahrt war kein Problem. Gefahren gab es nur wenige, auch junge Frauen konnten problemlos alleine trampen.

Das Ganze lässt die DDR als Tramper-Paradies erscheinen, allerdings musste man genau darauf achten, wo man einsteigt. Denn der Staat, besser gesagt die Stasi, hatte ihre Augen überall. Diese Erfahrung machte auch meine Mutter, als sie während ihrer Studienzeit 1986 von Dresden nach Eisenach trampte bzw. trampen wollte. An der Raststätte Teufelstal, sprach sie einen LKW-Fahrer an, der sie auch sofort mitnahm. Ein schöner Lift, der sie direkt nach Eisenach gebracht hätte. Dumm nur, dass sie in einen Lastwagen aus der BRD eingestiegen war< und ein Spion der Stasi den Parkplatz haargenau überwachte. Nach nur einem Kilometer wurde der LKW von der Polizei rausgezogen. Beide Personen mussten aussteigen, ihre Personalien wurden aufgenommen und ein schönes Photo wurde gemacht. Anschließend wurde meine Mutter noch „höflich“ darauf hingewiesen, dass eine Weiterfahrt unmöglich ist, sich aber in Bad Klosterlausnitz ein Bahnhof befände. Nach drei Kilometern Fußmarsch durch den Wald erwischte sie dann gerade noch den letzten Zug.

Die Angst, dass das „Vergehen“ Folgen, wie z.B. die Exmatrikulation, haben könnte, erwies sich als unbegründet. 20 Jahre lange passierte gar nichts, bis sie im neuen Jahrtausend, als die DDR längst Geschichte war, ihre eventuell vorhandene Stasiakte beantragte. Und tatsächlich: Es war eine Akte vorhanden. Das einzig vorliegende Delikt nannte sich „Mitfahrer“. Minutiös war ihr Vergehen notiert worden, keine Einzelheit fehlte.

Eingeschränkt hat sie der Vorfall nur kurz, schon eine Woche darauf wurde wieder getrampt, allerdings nur noch in Wagen mit DDR-Kennzeichen.

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